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Serie: Glauben für EinsteigerZählt nur die Leistung?Die Sanierer in Wirtschaft und Sozialwesen verkünden es täglich: Alles kommt auf den Prüfstand. Nur was sich rechnet, bleibt auch. Ein treffendes Bild für das Lebensgefühl, das viele Menschen haben: Jeder muss seinen Wert durch entsprechende Leistung beweisen.
Entschied früher die richtige religiöse, später moralische und noch später politische Überzeugung über Anerkennung und Verachtung und damit soziales Sein oder Nichtsein, so ist es im 21. Jahrhundert die Produktivität. Sahen sich die Menschen früher einem strengen, aber halbwegs berechenbaren göttlichen Gericht ausgesetzt, so ist es heute die gesichts- und gnadenlose Mechanik der Marktgesetze. Kein Wunder also, wenn die Zahl der psychischen Störungen zunimmt. Durch Leistung kann ich in diesem Dauertribunal mein Recht behaupten, zu sein - oder wenigstens so zu sein, wie ich bin. Doch selbst wenn das vordergründig gelingt, bleibt die Unsicherheit: Warum werde ich wirklich geliebt und anerkannt? Was, wenn ich doch einmal versage? Oder meine Leistung nicht mehr gefragt ist? Gott hat Leistung nie als Rechtfertigung betrachtet. Also wartet er ab, wenn wir uns abstrampeln. Bis wir an den Punkt kommen, wo wir hilflos merken, dass wir unsere Daseinsberechtigung weder verdienen können noch wollen; dann setzt er an. Im Leiden und Sterben von Jesus von Nazareth zeigt Gott sein wahres Gesicht, nämlich bedingungslose Liebe und Vergebung. Genau dann, als ihm die Menschheit kollektiv ihr hässlichstes Gesicht zuwendet. Er sagt damit über mich, dass ich nicht identisch bin mit meiner Leistungsbilanz. Ich muss mich weder selbst ständig bewerten, noch den Urteilen anderer allzu viel Beachtung schenken. Ich muss meine Vergangenheit nicht verklären und meine Zukunft nicht verdienen, sondern kann im Augenblick leben und das Gute einfach um seiner selbst willen tun: Das ist christliche Freiheit. Das Erstaunliche daran ist, dass solch selbstvergessenes Aufgehen in dem, was ich tue, meine Leistungsfähigkeit nicht schmälert - im Gegenteil. |